Neubau, trotzdem Kabelsalat
Ein Neubau ist die eine Gelegenheit, alles richtig zu machen. Neue Räume, neue Schränke, ein Farbkonzept für die Kabel liegt sogar schriftlich vor. Bei einer Bestandsaufnahme vor Kurzem haben wir trotzdem die Rückseite der Serverschränke geöffnet und erst einmal nichts gesagt.
Was wir gesehen haben
- Keine Kabelführung. Strom, Kupfer und Glasfaser lagen ungeordnet durcheinander, nichts war beschriftet.
- Testkabel im Produktivbetrieb. Das Farbkonzept sah eine Farbe ausdrücklich für Testkabel vor. Genau diese Farbe steckte in produktiven Verbindungen.
- Gemischte Glasfaser. Zwei verschiedene Faserklassen nebeneinander, ohne erkennbares Konzept.
- Offene Glasfaser-Ports ohne Staubkappen.
- Aufgerollte Kabel auf den Servern. Patch- und Glasfaserkabel lagen lose obenauf. Ein Server lässt sich so nicht aus dem Rack ziehen, ohne vorher Kabel zu lösen.
- Im Etagenverteiler waren die Patchkabel viel zu lang, hingen aus dem Schrank, und die Tür ließ sich nicht mehr schließen.
Und dann der Kontrast: Andere Schränke im selben Haus waren sauber gebaut, beschriftet und dokumentiert. Es ging also. Nur nicht überall.
Wie das in einem Neubau passiert
Nicht aus Faulheit. Ein Neubau hat einen Einzugstermin, und der Termin gewinnt. Kurz vor dem Umzug wird gesteckt, was gesteckt werden muss, mit dem Kabel, das gerade da ist. „Erst mal“, und aufgeräumt wird später.
Später kommt im laufenden Betrieb nicht. Jeder Eingriff am Rack ist dann ein Risiko für etwas, das gerade läuft, also lässt man es lieber, wie es ist. So wird aus „erst mal“ der Dauerzustand.
Warum das mehr ist als ein Schönheitsfehler
- Fehler beim Arbeiten. Wer an einem Knäuel ein Kabel zieht, erwischt das falsche. Ohne Beschriftung erfährt man das erst, wenn etwas ausfällt.
- Server lassen sich nicht warten. Wenn Kabel obenauf liegen, wird jeder Plattentausch zur Operation am offenen Netz.
- Luftstrom. Kabelknäuel hinter den Servern stauen die warme Luft.
- Glasfaser verzeiht keinen Staub. Offene Ports und Stecker ohne Kappe sind eine Störung, die sich irgendwann meldet.
Wie man aufräumt, ohne den Betrieb zu stören
- Hostweise, nicht alles auf einmal. Ein Host wird freigezogen, dann neu verkabelt, dann der nächste. Das geht nur, wenn die Dienste auf dem Host woanders weiterlaufen können. Wo das nicht geht, ist die fehlende Redundanz der eigentliche Befund.
- Nach Farbkonzept, mit Kabelmanagement. Kabel in passender Länge, beide Enden beschriftet, Testfarbe nur für Tests.
- Ein Patchplan in der Netzdokumentation. Welcher Port geht wohin, und warum. Wohin so etwas gehört, steht in Drei Werkzeuge, drei Aufgaben .
- Wer verkabelt, und wer abnimmt. Die Verkabelung selbst macht ein Errichter. Der IT-Dienstleister gibt Farbkonzept und Patchplan vor und nimmt das Ergebnis ab. Wer beides zugleich macht, nimmt sich selbst ab.
- Lose Teile sofort befestigen. Das hat nichts mit dem großen Umbau zu tun und kann gleich passieren.
Die sauberen Schränke im selben Haus sind dabei der beste Maßstab. Man muss niemandem erklären, wie es aussehen soll. Man kann es zeigen.
